Traditionelle (dörfliche) Handwerke und Gewerbe stehen vor großen Herausforderungen bei der Bewahrung technologischer (z.T. manueller) Kompetenzen und der Ausbildung von jungen Gesellen/innen. Viele Handwerksbetriebe gerade in manuell anspruchsvollen Gewerken des Schmiedehandwerks, der Töpferei, Tischlerei und Müllerei in den sogenannten neuen Bundesländern bilden heute nicht mehr aus, weil die Meister für ihre Betriebe, welche 40 Jahre DDR-Wirtschaft überstanden haben, keine Zukunft sehen. Die negative Perzeption der betrieblichen Zukunft ist besonders ausgeprägt, wenn neue Marketingkonzepte für die Produkte und Dienstleistungen fehlen. Grundsätzlich gilt, dass für alle vier Berufe die langfristigen Aussichten viel besser sind, als die Stimmung unter den (meist älteren) Meistern.

Die Betriebe in den o.g. vier dörflichen Handwerken müssen grundsätzlich umdenken, um mittel- und langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Sie müssen insbesondere dem Endkunden die regionale Herkunft ihres Produktes deutlich machen und verkaufen. Mühlen etwa können durch den Aufbau einer Regionalmarke ("Schradenmehl") örtliche und überregionale Bäckereien beliefern, ins obere Preissegment und die Vermarktung von hochwertigen "handgemachten" Mehlen und Mühlprodukten sowie deren Direktvermarktung einsteigen. Ähnliche Entwicklungen gelten für andere handwerkliche Produkte, wie Schmiedeerzeugnisse oder Waren aus dem Holz verarbeitenden Gewerbe. Bei der Aufwertung des Handwerks muss marketingseitig das historisch gewachsene hohe Ansehen von traditionellen Handwerkern genutzt werden.

Im ländlichen Raum der neuen Bundesländer haben viele kleine Handwerksbetriebe nicht mehr die Kraft, den Mut, die Größe oder technologische Breite für die Einstellung eines Auszubildenden. Viele Betriebe, die sich durch die gesamte DDR- und Nachwendezeit erhalten haben, stehen damit in den nächsten Jahren vor dem demografisch bedingten Ende.

Hier setzt das Referenzprojekt ein. Es stärkt die Ausbildung in dörflichen Handwerken, nicht in außerbetrieblichen Einrichtungen und führt kleine Betriebe zusammen, die bereit sind, im Verbund (sowie ergänzt/unterstützt durch pensionierte/arbeitslose ältere Handwerkergesellen und -meister) auszubilden. Für diese "Ausbildungsverbünde" hat es hier und da in Deutschland schon Vorbilder gegeben. Das Besondere des hier vorgestellten Ansatzes besteht einerseits in der Integration von älteren Gesellen und Meistern, auch im nachberuflichen Bereich, in der Ausbildung sowie in der Konzentration auf manuell anspruchsvolle alte Gewerbe, die in besonderem Maße identitätsstiftende und auch touristische Attraktivität besitzen (Müller, Schmied, Töpfer, Tischler). In diesen Berufen ist die Integration älterer Handwerker besonders sinnvoll, weil ihre Kompetenzen hier weniger veralten und weil ihr Engagement die allgemein konstatierte Verflachung manueller Fähigkeiten im Handwerk aufhalten kann. Das Projekt kann sich auf die langjährige Erfahrung der Antragsteller in der Koordination von Innovationen im Handwerk im südlichen Brandenburg stützen und auf diese Weise die durchaus bestehenden Vorbehalte der einzelnen Betriebe gegenüber dem "Azubi-Sharing" abbauen helfen.

Im Schraden, einem ländlichen Raum im südlichen Brandenburg an der Grenze zu Sachsen, gibt es noch zwei hauptberuflich arbeitende Mühlenbetriebe, welche vor allem die sinkende Zahl selbständiger Bäckereien beliefern, eins bis drei Schmieden (je nach Definition) und auch zwei Töpfereien. Wesentlich höher ist die Zahl der Betriebe bei den Tischlereien. Hinzu kommen viele stillgelegte oder neben- oder ehrenamtlich betriebene Mühlen, Schmieden und Töpfereien sowie eine noch höher liegende Zahl von Altgesellen und pensionierten Meistern, die fachfremd oder nicht (mehr) arbeiten.

Gemeinsam mit der Leader-Initiative Wirtschaftsraum Schraden e.V. und dem Kraftwerk Plessa gGmbH (einem gemeinnützigen Träger für Qualifizierungsprojekte im Schraden in einem ehemaligen Braunkohlekraftwerk) sollen Ausbildungsnetzwerke ins Leben gerufen werden, bei denen in den vier o.g. Berufen jeweils ein Auszubildender durch ein Netzwerk von den o.g. Betrieben, ehren- und nebenamtlichen Meistern sowie pensionierten Meistern ausgebildet wird. Eine Befragung der regional ansässigen Handwerksbetriebe hat das große Interesse an dem Vorhaben, das auch eine Innovation für das duale System darstellt, ergeben. Zwar zeigte sich einerseits eine durchaus pessimistische Grundstimmung bezüglich der Zukunft des eigenen traditionellen Handwerks, doch andererseits stehen die Betriebe einer Zusammenarbeit bei Ausbildung, Information und Marketing aufgeschlossen gegenüber.

Ein Problem ist auch das gegenseitige Misstrauen der Handwerksbetriebe untereinander, das bisher die gemeinsame Ausbildung verhindert hat. Hier sind vertrauensbildende Netzwerkprozesse notwendig, um das nur noch gemeinsam erreichbare Ziel der weiteren Ausbildung insbesondere in den selten gewordenen traditionellen Handwerken zu ermöglichen.

Ziel und intendierte Effekte:

  • Wissen und Können älterer Menschen für die Ausbildung verstärkt nutzen
  • manuelle Fähigkeit erhalten, der Verflachung manueller Fähigkeiten im Handwerk entgegenwirken
  • älteren Arbeitnehmern (Handwerkern) angepasste Aufgaben im beruflichen Alltag geben
  • nachberufliches produktives Leben im Alter ermöglichen
  • Zahl der Ausbildungsplätze erhöhen
  • seltene Berufe vor dem Aussterben bewahren
  • Zukunft, Hoffnung und Sinn im beruflichen Alltag in kleinen Handwerksbetrieben und der dörflichen/regionalen Wirtschaft stärken
  • endogene Potenziale der Region nutzen (Zukunft aus eigener Kraft)
  • Am Ende der Laufzeit sollen mehrere Auszubildende ihre Ausbildung erfolgreich im Verbund erhalten haben und auf diese Weise die Verallgemeinerungsfähigkeit des Ansatzes dokumentieren.

Praxispartner:

  • Handwerkskammer Cottbus, Dr. Manfred Haaken
  • Wirtschaftsraum Schraden e.V., GF Frau Katrin Dehmel
  • Kraftwerk Plessa gGmbH, GF Hans-Joachim Schubert

Vorgehen, Arbeitsplan:

  • Interregional vergleichende Studien zu Ausbildungsnetzwerken im deutschsprachigen Raum (und anderen Regionen mit einem starken dualen Ausbildungssystem)
  • Identifikation und Motivation von Ausbildern in jeweils zwei Berufen (insgesamt vier Berufen) Koordinationstreffen mit den Ausbildern für die verbindliche Verständigung auf den Ausbildungsplan und die wechselnde Betreuung des/r Auszubildenden
  • Klärung/Regelung der formalen Ausbildungsfragen (Wer ist formaler Träger der Ausbildung, wie sind die ehrenamtlich tätigen Ausbilder integriert, welche Rolle spielen die einzelnen Ausbildungsbetriebe?). Die Lehrwerkstatt der Technischen Universität Berlin wendet in neuen, innovativen Berufsbildern das Prinzip von Ausbildungsverbünden (Institute, Unternehmen) seit Jahren erfolgreich an. Auf diese Erfahrungen stützt sich das Beratungsangebot
  • Ausschreibung der Ausbildungsplätze
  • Begleitung der Ausbildung über drei Jahre (u.a. auch im Rahmen von Workshops)
  • Aktivierende Evaluation (u.a. auch durch Leitfadenbasierte Interviews)